{"id":489,"date":"2011-07-24T16:51:06","date_gmt":"2011-07-24T16:51:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hanghofer.com\/?page_id=489"},"modified":"2016-03-10T08:34:12","modified_gmt":"2016-03-10T07:34:12","slug":"hubert-hanghofer-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.hanghofer.com\/?page_id=489","title":{"rendered":"<!--:de-->HUBERT HANGHOFER<!--:-->"},"content":{"rendered":"<p><!--:en--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>ZWISCHEN KONKRETHEIT<\/strong><br \/>\n<strong> UND BIOMORPHIE,<\/strong><br \/>\n<strong> ELEGANZ UND BEDEUTUNG.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kunst hat mit Z\u00fcgen ihrer Zeit zu tun, so sehr sie immer wieder als Gegenzug zur Zeit und zu den Zeiten interpretiert wurde. Das gilt auch f\u00fcr die Konkrete Kunst, wie sie im 20. Jahrhundert entstand. Aus ihren klassizistischen Z\u00fcgen deutete man ihr eine Intention auf Zeitlosigkeit an. In ihren Werken habe sie sich aus der Zeit erheben wollen zu zeitlosen Sch\u00f6nheiten noch nicht gesehener Art. Wenn man aber ihrer Entwicklung folgt von Delaunay, Malewitsch, Kandinsky \u00fcber Albers und Bill bis zu etwa Gomringer und G\u00f6schl, dann lassen sich wachsende Anlehnungen an so mathematische wie geometrische oder, wie etwa besonders bei Gomringer und ihm Verwandten, an exakt versicherbaren Strukturen der Sprachen und Schriften \u00fcberhaupt nicht leugnen oder \u00fcbersehen. Und all diese Kunst entstand zu Zeiten, wo in Euroamerika Mathematik und mathematische Physik die Leitwissenschaften waren, zur anderen Seite hin die sich zu Empirie und Exaktheit hin v\u00f6llig verwissenschaftlichende Sprachtheorie. Selbst falls man den von den USA her aufgekommenen Abstrakten Expressionismus zur Konkreten Kunst eingemeinden will, ist Orientierung an zeitgem\u00e4\u00dfer Leitwissenschaftlichkeit nicht verlassen. Zwar nun nicht Mathematische Physik und Sprachwissen-schaften, doch im Abstrakten Expressionismus ging es um die besonders in den USA dazugetretene Leitwissenschaftlichkeit der Tiefenpsychologie, den Freudianismus und sein Ringen um das Bewu\u00dftmachen des Unbewussten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun hat sich in der Leitwissenschaftlichkeit Einiges euro-amerikanisch ver\u00e4ndert. Schon die Umgewichtung der physikalischen Forschung von der einfachen Mechanik zur Elektrizit\u00e4tslehre und den Ph\u00e4nomenen des Strahlens wie Str\u00f6mens n\u00e4herte die Theorie der unlebendigen Natur der lebendigen Natur an. Allerdings hatte das zun\u00e4chst gerade die Folge eines Leitbildwerdens der Physik f\u00fcr die Biologie. Doch in dem Ma\u00df wie derart die Einsicht wuchs, da\u00df das Lebendige existiert als Str\u00f6mungs- und Strahlungswesen auf der Basis von Str\u00f6men und Strahlen in einem Umfeld von Str\u00f6mung und Strahlung, der romantische Philosoph Friedrich Schelling hatte schon im Beginn des 19. Jahrhunderts eine Ahnung davon gefasst, stellte sich eine Umkehr der Leitwissen-schaftlichkeit ein, die Biologie wurde zur Leitwissenschaft in unseren letzten Jahrzehnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun Weiterentwicklungen der Konkreten Kunst? Meine Behauptung: sie entwickelte sich genau in der Zeit dieser letzten Jahrzehnte zur Biomorphie. Die Biomorphie wird unterst\u00fctzt durch den Umstand, dass auch computer-generierte Bildwelten eine Tendenz zum Biomorphen aufzeigen. Man k\u00f6nnte zwar sagen, das Biomorphe gew\u00e4nne geradezu eine Abbildlichkeit zum evolution\u00e4ren Formen- und Strukturenreichtum der lebendigen Natur. Und insofern geh\u00f6re die Biomorphie in den K\u00fcnsten heute nicht zur Konkreten Kunst. Doch die Kunstph\u00e4nomenalit\u00e4t des Biomorphen bildet denn doch Formen und Strukturen aus, wie sie in der gegebenen Natur nicht vorliegen. W\u00fcrde man dieses Argument nicht gelten lassen wollen, dann m\u00fcsste anders behauptet werden, die gesamte vorangegangene Konkrete Kunst h\u00e4tte Formen und Strukturen der Geometrie und mathematischen Physik abgebildet, w\u00e4re also auch voller Abbild statt Neubild. Etwas abgewandelt gelte das desgleichen f\u00fcr die konkrete Poesie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also lassen wir den Streit zwischen Biomorphie und Konkretheit einmal beiseite.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe nur deswegen in die Biomorphie und die Konkrete Kunst eingef\u00fchrt, weil die Skulpturen Hubert Hanghofers zun\u00e4chst wie Konkrete Kunst erscheinen und dann einen an biomorphe Formenwelt zu erinnern beginnen. Die letzte Assoziation gewinnt man aus dem Str\u00f6mungs-charakter, der sie ausflie\u00dfend, abw\u00e4rts flie\u00dfend, aufw\u00e4rts flie\u00dfend macht. St\u00e4ndig mu\u00df der Blick mit ihnen sich lebendig dehnend und zusammen-ziehend (Systole- Diastole) mitwandern und mitatmen bis zum Auslauf in runde Spitzen oder B\u00f6gen und zur\u00fcck zur Basis, dabei in Drehungen rings um den Stamm herum und in dessen Aush\u00f6hlungen hinein, um in ihnen abw\u00e4rts und aufw\u00e4rts so zu gleiten wie zu kreiseln. Str\u00f6mungsfiguralit\u00e4t also im Verengen und Weiten und Drehen und Spiralisieren.<br \/>\nDas Biomorphe ist hier einer gleichsam so zu nennenden Drehk\u00f6rpergeometrie vermittelt. Also doch auch Geometrie, aber eine sehr lebendige der Drehungen, Beugungen, Kr\u00fcmmungen, Wendungen zwischen Innen &#8211; Au\u00dfen \/ Au\u00dfen &#8211; Innen der Halbh\u00f6hlen und Halbrundungen. Dabei sind die Drehungen und Kr\u00fcmmungen derart raffiniert ausgef\u00fchrt und eigentlich in jedem Punkt jeder Skulptur am Werk, da\u00df man im zweiten Blick-Schritt an die M\u00f6bius-Schleife erinnert wird, also an jenes Irrationale, das sich genauesten Berechnungen hingibt, damit genaueste Berechnungen sich ihm hingeben. Das Irrationale wird vom Rand her anschaulich umkreist und umstreift.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es verst\u00e4rkt sich in der Anschauung aus der vehementen Gl\u00e4tte aller Oberfl\u00e4chen, wodurch ein scheinbar unberechenbares Ineinanderspiel aus Anhellendem und Verschattendem sich erzeugt. Wie sehr das Irrationale in das Rationale verflochten ist und umgekehrt, keines kann ohne das Andere, statt da\u00df sie sich gegenseitig ausschlie\u00dfende Gegner w\u00e4ren, das scheint das Grundthema von Hanghofer zu sein, es dr\u00e4ngt sich wenigstens durch seinen Skulpturenpark auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hanghofer steht mit den Arbeiten hier zwischen Biomorphie und Prozessgeometrie. Zu diesem Gesichtspunkt f\u00e4llt einem ein, da\u00df sich der K\u00fcnstler an Werkz\u00fcge von Brancusi angelehnt haben m\u00f6chte. Gewi\u00df aber liegt ein Zusam-menhang mit den gestalterischen Folgen der Stromlinie vor, wie sie aus den neuen Ver-kehrstechniken der Luft- und Seefahrt geboren wurde, immer wieder aufs Auto \u00fcbertragen, futuristische Hintergr\u00fcnde winken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Wunder, da\u00df eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Eleganz in Bewegung statt monumentaler Statuarik entsteht, die einen sofort in sich aufsaugt und dann doch an der Gl\u00e4tte selbst aus den H\u00f6hlungen abgleiten l\u00e4sst ins Freie aus der Eingefangenheit der Einh\u00f6hlungen heraus. Mit der Eleganz hat auch die ausgekl\u00fcgelte Statik zu tun, nicht zu verwechseln mit der eben erw\u00e4hnten Statuarik. Es handelt sich um eine an sich labile, doch zuverl\u00e4ssig haltende Statik, fast wie bei Seenelken und Korallen. Sollte man vom Anschauungseindruck her von einer fl\u00fcchtigen Statik sprechen? Jedenfalls glaubt man den Skulpturen nicht so recht ihr Standrecht, und doch stehen sie. Was wieder mit dem anschaulich umrundeten Irrationalen zusammenh\u00e4ngt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eleganz in ihrer Beweglichkeit und Fl\u00fcchtigkeit, beide geh\u00f6ren sie gewiss zur Eleganz, das noch so Sch\u00f6ne ohne Beweglichkeit kann man nicht elegant nennen, das ist sicher ein ganz wichtiges Kunstthema, wenn auch nicht das zentrale. Die Kunst hat viele Aufgaben. Verg\u00e4\u00dfe sie dabei aber die Eleganz oder verdr\u00e4ngte oder verfluchte sie, dann h\u00e4tte sie ihr liebstes Kind ausgesperrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und doch ersch\u00f6pft die problematisierte Eleganz nicht den Horizont der Hanghofer\u2019schen Skulpturarbeiten. So wie er sich durch Str\u00f6mungs-figuralit\u00e4t der Biomorphie entzieht in die ans Irrationale streifende Prozessgeometrie hinein und wiederum durch deren irrationale R\u00e4nder sich dem Biomorphen n\u00e4hert, so entzieht er sich der blanken Konkretheit durch Titelei. Pl\u00f6tzlich taucht ein Mehr an Bedeutsamkeit auf als das blo\u00df Str\u00f6mungs-figurale samt Licht-Schattenspiel der extrem gegl\u00e4tteten Oberfl\u00e4chen. Und das \u00dcberraschende, die Titelsymbolik wurde nicht willk\u00fcrlich vergeben, weil schlie\u00dflich Alles Alles bedeuten k\u00f6nnte. Sondern ihre Bedeutungen lassen sich in den konkreten Figuren der Skulpturen ersehen, so das \u201eDuale\u201c aus den gegeneinander durch Drehung quergelegten Halbh\u00f6hlungen in ihrem verkreuzten Gegen\u00fcber, so das \u201eTanzen der Schlange\u201c, ohne da\u00df ich das weiter beschreiben m\u00fcsste, au\u00dfer mit dem Hinweis, die Figur n\u00e4here sich sehr der Schlange, die sich in den Schwanz beisst, und doch tut sie es nicht, oder die \u201efliegende Flasche\u201c, kein weiterer Kommentar, alles zu ersehen, auch die Halbiertheit der Flasche, fassungsunf\u00e4hig, oder der Schrei der Welle, oder die in ihrem Trocknen zu einer scheinbar irrational gekr\u00fcmmten Figur verbogene Scheibe Brot?, die urspr\u00fcnglich <em>\u201eZwei Seelen\u201c<\/em> genannte Skulptur der sich zuspitzenden und zueinander beugenden B\u00f6gen, ein Zueinanderbeugen, das Seelen wollen, indem sie andeuten, da\u00df sie per Elastizit\u00e4t auch auseinander fahren k\u00f6nnten?, nun mit dem Titel \u201eSynthesis\u201c gehei\u00dfen: Tendenzstarke und doch hochgef\u00e4hrdete <em>\u201eSynthesis\u201c<\/em> also?, wie jede Synthesis gef\u00e4hrdet ist?, und andere Bez\u00fcge!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indem aber die Figuren, insbesondere der <em>\u201eSilberton\u201c und das \u201eSteinfeuer\u201c<\/em>, auch so vieles Andere bedeuten k\u00f6nnten, kehren sie wiederum in die blanke Konkretheit zur\u00fcck, die nichts anderes meint als sich selber, Selbstreferentialit\u00e4t!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hanghofer meint deren dauerndes Sichselbstverlassen im Selbstverrat, weil sie es nicht bei sich aush\u00e4lt. Das ist Thema von heute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bughart Schmidt, Dr. Phil.habil.,<\/strong><br \/>\n<strong> Professor f\u00fcr Sprache und \u00c4sthetik und Vizepr\u00e4sident<\/strong><br \/>\n<strong> der Hochschule f\u00fcr Gestaltung Offenbach a. M.,<\/strong><br \/>\n<strong> Gastprofessor an der Universit\u00e4t f\u00fcr angewandte Kunst Wien<\/strong><br \/>\n<strong> Einschl\u00e4gige Publikationen vom Textautor:<\/strong><br \/>\n<strong> Postmoderne- Strategien des Vergessens, Suhrkamp, Frankfurt 1994<\/strong><br \/>\n<strong> Bild im Ab-wesen, Ed. Splitter, Wien 1998<\/strong><\/p>\n<p><!--:--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ZWISCHEN KONKRETHEIT UND BIOMORPHIE, ELEGANZ UND BEDEUTUNG. Kunst hat mit Z\u00fcgen ihrer Zeit zu tun, so sehr sie immer wieder als Gegenzug zur Zeit und zu den Zeiten interpretiert wurde. Das gilt auch f\u00fcr die Konkrete Kunst, wie sie im 20. Jahrhundert entstand. 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